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Brenta 2000

oder

E4 1. Teil Skitour Kleiner Wilder 2001

Erlebnisbericht von Harry Conrad


Eine Studie über die letzten Brenta-Bären

Der Nationalpark Brenta im Herzen des Trentino ist mit seiner urwüchsigen Landschaft ein ideales Refugium für eine kleine Gruppe dieser zotteligen Raubtiere. Hier finden sie ein Rückzugsgebiet par excellence: tief eingeschnittene Täler, dicht bewaldet und von weiten Hängen umgeben. Steile Felswände begrenzen den kleingliedrigen Lebensraum. Für wissenschaftliche Zwecke wurden im Sommer des Jahres 2000 in einem 4-Tages-Projekt einige der zotteligen Riesen genau beobachtet und ihre Aktivitäten aufgezeichnet. Damit die Studienobjekte leichter auseinandergehalten werden konnten, wurden die Einzeltiere mit Namen bedacht. Es handelt sich um eine gemischte Gruppe aus Jung- und Alttieren: Ludwig, Martin, Markus, Willi, Gerda, Katrin, Christa, Rosi, Bene und Harry.

Am ersten Tag des Beobachtungszeitraumes rottet sich die Gruppe in Madonna di Campiglio zusammen. Ihre Motive, warum sie sich aus den verschiedensten Richtungen und aus großer Entfernung kommend genau hier treffen, wurden erst im Laufe der Beobachtungen deutlich. Ein Teil der Tiere kam aus dem fernen Oy, einige aus Würzburg, das jüngste kräftigste Tier über viele Alpenpässe hinweg gar aus dem Wallis.

Zuerst beschnuppern sie sich ausgiebig und legen die Hackordnung fest. Dies ist tierpsychologisch mit die interessanteste Phase der Studie. Gibt sie doch viele wichtige Hinweise auf das weitere Verhalten der Gruppe. Unter der Führung von Ludwig, dem erfahrendsten und konditionsstärksten Tier, ziehen sie gemeinsam durch das Vallesinella und das Val Brenta alta ins Zentrum des neuen Lebensraumes.

Schon in diesen ersten Stunden bewährt sich die Wahl des Leittieres. Zwei der weiblichen Tiere sind, vermutlich aufgrund der langen Anreise, etwas geschwächt - sie kämpfen schwer mit dem losen Schotter vor der Höhle. Ludwig zeigt ihnen mit sicherem Gespür den leichtesten Weg und stellt ihnen die Behaglichkeit der Höhle in Aussicht. Derartig motiviert stellen die letzten Meter zum Quartier kein Hindernis mehr dar. Die Höhle ist geräumig, gemütlich warm und ausreichend mit Vorräten bestückt. Die 10 Brenta-Bären richten sich in ihren Lagern häuslich ein.

Sie verstehen sich offensichtlich so gut, dass sie für die nächsten Tage gemeinsame Streifzüge durch das neue Revier beschließen.

Am nächsten Morgen ziehen sie einträchtig über einen Wildwechsel, der gleich an der Höhle beginnt, in Richtung Westen zur Bocca della Tosa. Unterwegs entscheidet sich Bärin Rosi bald für den Abstieg. Sie hat sich wohl an den Him- und Brombeeren der Abendmahlzeit den Magen verstimmt oder schlecht geschlafen. Jedenfalls tapst sie mit einem enormen Brummschädel den Weg entlang. Die Gruppe trottet ohne sie weiter. Das intensive Beschnuppern in der Kennenslernphase hat offensichtlich dazu geführt, dass der Einzelne bereit ist, seine persönlichen Ziele denen der Gruppe unterzuordnen.

Über den Ideale-Steig ziehen sie zum kleinen d´Ambiez-Gletscher. Vergeblich halten sie nach Essbarem in der kargen Landschaft Ausschau. Der Hunger treibt sie über die Bocca d´Ambiez Richtung „12-Apostoli“-Höhle. Doch zuerst müssen sie noch das Eisfeld Vedretta dei Camosci überqueren. Zum Glück sind Brenta-Bären mit zotteligen Pranken ausgestattet, so dass die meisten ohne Schwierigkeiten hinüber gelangen. Lediglich zwei zugewanderte Flachland-Bären haben zuwenig Hornhaut an den Pratzen und rutschen unbeholfen über´s Eis.

Bei einem Sonnenbad auf den großen Steinplatten und leckeren Naschereien an der „12-Apostoli“-Höhle erholen sich alle rasch von den Strapazen. Über die Bocca dei Due Denti, den Castiglioni-Wildwechsel, den d´Ambiez-Gletscher und den bekannten Ideale-Wechsel zurück zur Pedrotti-Höhle. 10 Stunden dauerte dieser erste Streifzug. 

Beim Verzehren der Höhlenvorräte bebrummen sie im ungewöhnlich reichhaltigem Bärenidiom die Erlebnisse des Tages. Leitbär Ludwig schlägt für den nächsten Tag einen Ausflug Richtung Norden über die hohen Grate zum Tuckett-Paß vor. Der Rückweg soll durch die Weideflächen der Osthänge führen.

Gleich zu Beginn des Boccette Centrale-Steiges führt eine Wasserstelle einige Gruppenmitglieder in Versuchung. Mit eiserner Disziplin halten Ludwig und der Lumpensammler-Bär Bene die Tiere zusammen. Zügig und trittsicher überwinden sie die Engstellen auf den Felsbändern, neben denen es 3- bis 400 Meter senkrecht in die Tiefe geht.

Fast gelingt es den 10 Brenta-Bären, den Tuckett-Paß vor Ausbruch eines Gewitters zu erreichen. Nur Brumm-Bär Harry macht nähere Bekanntschaft mit dem seltsamen Summen der Luft, schüttelt die vibrierende Pranke und gibt überrascht Laut. Der Rückweg über den Orsi-Wechsel fordert von einigen die letzten Reserven. Den Duft der Heimathöhle in der Nase, traben sie zügig durch den heftigen Regen, der ihren Pelz in Zotteln herunterhängen lässt.

An diesem Abend werden die Höhlenvorräte in mehreren Gängen stark dezimiert. Der Flüssigkeitsbedarf der Tiere ist so groß, dass einzelne sogar leicht vergorene Vorräte in größeren Mengen zu sich nehmen. Die unterschiedliche Altersstruktur der Gruppe wird an diesem Abend besonders deutlich: die älteren Bären begeben sich bereits bei Mondaufgang zu ihren Lagern. Die jüngeren bebrummen beim Licht von Vollmond und Sternschnuppen persönliche Erlebnisse und sinnieren über den Sinn oder Unsinn eines Lebens im Talgrund.

Der nächste Tag bringt beim Abstieg zurück nach Madonna di Campiglio - bei herrlichstem Bären-Wanderwetter - einen Überblick über die Vorzüge dieses Reviers: In den Hochlagen Schnee- und Eisfelder, die die Bäche speisen, in den mittleren Lagen saftige Wiesen mit reichhaltigem Grünfutter und vielen Insekten und in den tieferen Lagen lichte Wälder, um sich vor den unzähligen anders artigen Besuchern dieser Region zu verbergen.

Obwohl sich der Bären-Trupp wieder in alle Winde zerstreut hat, ist bei der starken Bindung der Tiere untereinander davon auszugehen, dass sie sich gelegentlich - eventuell in einem anderen Tal - wieder treffen werden, um ein neues interessantes Revier zu erkunden.     Zu den Tourdaten

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